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Gemüsemarketing
Es war schon immer etwas teurer, (k)einen besonderen Geschmack zu haben

Geschmackstomaten

Seit Jahren ist sie uns bekannt, die gemeine Zuchttomate, zu naturwissenschaftlichen Ehren gekommen als der vierte Aggregatzustand von Wasser. Doch nun schickt sich eine neue Kreation an, den Verbraucher zu verwirren. Die Geschmacks-
tomate ist da! Nanu? Welchen Geschmack könnte diese neuartige Tomate mit sich führen? Ist dies etwa ein Gemüse mit bereits eingezüchteter Würzmischung? Ist diese Tomate bereits gepfeffert und gesalzen? Oder doch nur ihr Preis? Denn 60% mehr muss man schon hinlegen, für diesen, zugegeben, gelungenen Marketing-Gag.

Die Geschmackstomate kann eigentlich nur ein Test sein. Ein Test wieviel der Verbraucher bereit ist, sich an Verhöhnung noch gefallen zu lassen, bevor er endlich entscheidet, diesem Treiben der Gemüsezuchtindustrie ein Ende zu bereiten. Denn das Anbieten von „Geschmacksgemüse“ rechtfertigt quasi die Existenz von „normalem“ Gemüse. „Normales“ Gemüse wird damit per se als „frei von Geschmack“ definiert und somit legitimiert, zu verwenden als geschmacks- und nährwertneutraler Würzmittelträger. Wer hingegen Gemüse mit Geschmack sucht, bitteschön, dem steht die Abteilung für „Geschmacksgemüse“ zur Verfügung. Gegen einen ordentlichen Aufschlag kann man hier zum Beispiel Tomaten mit Geschmack kaufen. Dies ist vorbildlicher Service am Kunden. Und eine Lektion, die wir als Verbraucher ab jetzt zu lernen haben:

Es ist keine selbstverständliche Eigenschaft von Gemüse, dass es über einen Eigengeschmack verfügt. Geschmack ist sozusagen ein aufpreispflichtiges Extra, eine Sonderausstattung, ein witziges Gimmick für Sonderlinge. Will ja nicht jeder – es gibt ja auch Menschen, die keine Tomaten mögen.

Nun fragt sich der konditionierte Kunde: Wie viel Geschmack muss überhaupt sein? Hier können wir unsere Leser beruhigen: Ein aromatischer Schock, eine sensorische Reizüberflutung ist bei der Geschmackstomate nicht zu befürchten. Sie geht mit dem Konsumenten behutsam um. Sie vermittelt nur eine leise flüsternde Idee von Tomatenaroma, einen Hauch, sozusagen einen Vorgeschmack. Damit ist sie dann eigentlich eine „Vorgeschmackstomate“, ein Vorbote, der uns den Weg in die Zukunft des Gemüsehandels aufzeigt.

 
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